„Ohne Praxissoftware wären wir aufgeschmissen“

Vom Schwarzwaldkind auf dem Mofa zur Praxisinhaberin mit voll digitalisiertem Betrieb – Dr. Anke Kaczmarczyk hat einiges erlebt. Im Interview spricht sie über Tierliebe, Teamorganisation, echte Kollegialität an Weihnachten, Anspruchshaltungen von Kund*innen und Digitalisierung im Praxisalltag. Und darüber, warum an Weihnachten zwei Dinge fast immer passieren: Schokoladeunfälle und Kuhgeburten.

Warum sind Sie Tierärztin geworden, Frau Dr. Kaczmarczyk?
Weil ich es schon immer wollte. Ich habe vor Jahren ein Schulheft aus der ersten Klasse gefunden, da stand drin: „Ich will Tierärztin werden.“ Tierliebe, der Hang zur Naturwissenschaft – und dann ist es dabei geblieben.

Sind Sie selbst mit Tieren aufgewachsen?
Ja. Ich komme aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Zu Hause hatten wir einen Hund, und in direkter Nachbarschaft gab es eine Landwirtschaft – Tiere waren also immer präsent.

Wie sah der Weg zur eigenen Praxis aus?
Er begann eigentlich schon mit 13, als ich mein erstes Pferd bekam. Da hatte ich viel Kontakt zu unserem Tierarzt. Seit ich 14 war, habe ich diesem Tierarzt assistiert und ihn in den Ferien bei seinen Einsätzen begleitet. Mit 15 konnte ich dank Mofa dann selbst die zehn Kilometer zur Praxis fahren und habe dort überall mit angepackt – auch im Büro.

Nach dem Abitur bekam ich sofort einen Studienplatz und habe in Berlin Tiermedizin studiert – und den Mauerfall miterlebt – und 1992 das Staatsexamen gemacht. Anschließend bin ich nach Hause zurück, um zu promovieren. An der Uni Zürich in der Tierpathologie habe ich eine literarische Arbeit geschrieben, halbtags Promotion, halbtags Tiermedizin – wieder bei meinem früheren Haustierarzt. Von ihm habe ich am meisten gelernt.

1993 bin ich nach Nördlingen gekommen, habe dort insgesamt 13 Jahre in zwei Gemischtpraxen gearbeitet, dann hab ich eine Familie gegründet, und bin 2006, als mein Kind 9 Wochen alt war, mit meiner eigenen Praxis in die Selbstständigkeit gestartet.

Sie arbeiten in einem reinen Frauenteam, ist das richtig?
Ja, aktuell sind wir vier Tierärztinnen und ein größeres Team von Tiermedizinischen Fachangestellten – auch alles Frauen. Das war nie Absicht, es hat sich einfach ergeben. Wir hatten auch männliche Kollegen, einer davon ist mittlerweile selbst Praxisinhaber und zwei Kollegen, deren Praxis ich übernahm, sind vor geraumer Zeit in Rente gegangen. Insgesamt ist es heute schon eine Frauendomäne.

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?
Das hat sich über die Jahre verändert. Ich schätze vor allem die Vielfalt: die Arbeit mit den Tieren, das medizinisch-naturwissenschaftliche Arbeiten, logisches Denken. Die Menschenliebe ist in den letzten Jahren allerdings deutlich weniger geworden.

Woran liegt das – was ist schwieriger geworden?
Die Anspruchshaltung hat sich verändert. Ich erlebe mehr Egoismus. Der Anspruch, dass wir „nur aus Tierliebe“ arbeiten müssten, ist unrealistisch – wir führen einen Wirtschaftsbetrieb. Dazu kommen fehlende Distanz und Übergriffigkeit. Ich habe sogar schon Androhungen körperlicher Gewalt erlebt, weil etwas nicht so lief, wie sich jemand das vorgestellt hatte. Und: Die Bereitschaft, für das eigene Tier Geld auszugeben, nimmt ab.

Woran machen Sie das fest?
Am Wochenende hatte ich Notdienst. Ein Beispiel: Das Kaninchen der Kinder liegt krampfend auf der Seite. Ich kläre auf, dass wir einen Notdienst anbieten, in diesem aber erhöhte Gebühren anfallen werden. Die Reaktion der Mutter: “Oje, dann werden die Kinder nichts zu Weihnachten bekommen können.” Ich erlebe immer wieder, dass Besitzer versuchen, psychischen Druck auf und Tierärzte aufzubauen um uns zu nötigen, Behandlungen pro bono durchzuführen.

Zweites Beispiel: Das Tier erbricht sich seit dem frühen Morgen, jetzt kam noch blutiger Durchfall hinzu. Warum wird nicht zur Praxisöffnungszeit angerufen, wenn das Tier bereits seit Stunden krank ist?

Leider ist es den Besitzern meist auch nicht vermittelbar, dass wir keine unerschöpflichen Ressourcen zur Verfügung haben und manche Anliegen ablehnen müssen, wie in diesem Fall: Uns unbekannte Tierbesitzer können aus Sicherheitsgründen nachts nicht mehr angenommen werden. 

Wie gelingt Ihnen trotz solcher Erwartungen eine Work-Life-Balance – für sich und Ihr Team?
Im Moment eher schlecht (lacht). Als es personell entspannter war, habe ich bewusst eine zusätzliche Arbeitskraft eingeplant: Wir waren sechs Tierärzte, gebraucht hätten wir fünf. Das war wichtig, damit alle eine Work-Life-Balance haben. Damals konnte ich mich zeitweise aus dem täglichen Praxisbetrieb zurückziehen und mich auf die Administration konzentrieren.

Aktuell ist es aufgrund von Fachkräftemangel schwieriger. Trotzdem: Wir sind vier Tierärztinnen, jede hat nur jedes vierte Wochenende Dienst – also drei Wochenenden frei – und nur einen Bereitschaftstag pro Woche. Einen geregelten Acht-Stunden-Tag bekommt man hin, wenn man gut strukturiert ist. Für mich als Chefin ist es gerade herausfordernder – aber das gehört dazu.

Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell in der Tiermedizin?
In der Landwirtschaft belastet mich der politische Umgang sehr. Viele Maßnahmen kriminalisieren die Betriebe eher, als dass sie helfen. Viele wagen keinen Generationswechsel mehr, Betriebe schließen. Wir hängen Tierschutz in Deutschland sehr hoch – was gut ist –, aber außerhalb der EU spielt das kaum eine Rolle. Das schafft Wettbewerbsnachteile.

Im Kleintierbereich sehe ich einen Widerspruch: Tiere werden wie Kinder behandelt, aber nicht immer ist vor Anschaffung des oder der Haustiere den Besitzern klar, was diese Verantwortung finanziell bedeutet. Gerade in Haushalten, in denen die Mittel ohnehin knapp sind, sollte man gut überlegen, ob mehrere Tiere wirklich machbar sind.

Welche Rolle spielt Digitalisierung für Ihre Praxis?
Ich bin sehr technikaffin – ohne Praxissoftware wären wir aufgeschmissen. Deshalb habe ich 2006 bewusst Vetera gewählt und seitdem jede Weiterentwicklung mitgemacht. In meiner Praxis bilde ich fast alles darüber ab: Buchhaltung, Apotheke und sämtliche Dokumentationsprozesse. Viele Nutzer*innen kennen vielleicht nur einen kleinen Teil der Funktionen, aber wenn man sich ein wenig damit beschäftigt, kann man unglaublich viel damit machen.

Unsere Patientenbesitzer*innen schätzen das sehr. In der Landwirtschaft läuft dank Vetera alles reibungslos: Dokumentation, AUA-Belege, Listen für Antibiotika-Monitoring und Impfpläne. Bei den Kleintieren sind es eher die kleinen Dinge, die im Alltag viel ausmachen – Impferinnerungen, Befundmitteilungen, Überweisungen, alles digital. Auch die Online-Terminvergabe über PetLeo wird von einigen gut genutzt.

Fehlen Ihnen Funktionen, die Sie brauchen würden?
Eher Kleinigkeiten. Im Großen und Ganzen ist alles abgebildet, was man braucht.

Was würden Sie jungen Tierärzt*innen mitgeben?
Ich würde heute niemandem raten, rein allgemeinmedizinisch zu arbeiten – sondern sich vielmehr ein Fachgebiet zu suchen. Und beim Thema Work-Life-Balance: Wenn man kurativ arbeiten will, muss einem klar sein, dass nicht jeden Tag um 16 Uhr Schluss ist. Wer eine gut strukturierte Praxis betreibt, sollte es den Mitarbeitern ermöglichen, Überstunden auszugleichen. Wer länger bleibt, darf natürlich an ruhigeren Tagen auch mal früher nach Hause gehen. Es ist ein Geben und Nehmen.

Gibt es am Jahresende etwas besonders Wichtiges für Sie?
Mir ist wichtig, dass alle Mitarbeiter*innen die Feiertage möglichst in der Familie verbringen können. Das planen wir früh und mit Rücksicht. Wenn jede und jeder einen Feiertag übernimmt, der für sie oder ihn etwas weniger wichtig ist, klappt das. Und durch den engen Austausch mit unseren Kund*innen aus der Landwirtschaft bekommen wir dafür auch Verständnis.

Wie sieht Weihnachten für Sie als Tierärztin aus?
Wir haben das Glück, dass am 24. ein Nachbarkollege den Dienst übernimmt. Er ist Alleinkämpfer, und wir unterstützen ihn übers Jahr, wenn er Urlaub macht – im Gegenzug übernimmt er für uns den Heiligabend. Das funktioniert seit Jahren sehr gut. Die restlichen Feiertage teilen wir auf. Ich arbeite meistens einen Weihnachtsfeiertag den Silvesterabend sowie Neujahr. Diese Tage sind meistens sehr ruhig, so dass ich den Dienst mit der Familie vereinbaren kann.

Was war der weihnachtlichste Notfall?
Ganz klar: Kuhgeburten. Wir haben rund um Weihnachten immer wieder Kaiserschnitte bei Rindern – das ist fast schon Tradition (lacht). Und natürlich Hunde, die Schokolade fressen und die wir dann zum Erbrechen bringen müssen. Das häuft sich über die Feiertage.

Vielen lieben Dank für das sehr spannende Gespräch, Frau Dr. Kaczmarczyk – viel Erfolg für den Jahresendspurt und natürlich schöne Feiertage!

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